AAL-Systeme – Smarte Helfer

Alt werden möchte jeder, alt sein niemand und die Meisten am liebsten zu Hause wohnen bleiben. Warum also nicht in die eigene, vertraute Wohnumgebung investieren, um möglichst lange dort zu leben?!

27.03.2018
Beleuchtete Steckdose von Jung und Teblettenspender von Vitaphone
Orientierung: Die beleuchtete Steckdose bringt Licht ins Dunkel. Foto: Jung
Pillenautomat: Der vernetzte Tablettenspender „Pico“ erinnert an die nächste Einnahme und alarmiert den/die Betreuer, wird das Medikament nicht entnommen. Foto: Vitaphone

Tatsächlich fühlen sich die Deutschen jünger als sie in Wirklichkeit sind und werden immer älter. Alexander Wild, Experte für Seniorenmarketing: „Schon heute interessieren sich Best Ager für neue Technik, die ihren Alltag zu Hause erleichtert. Senioren wissen, dass die Digitalisierung ihnen hilft, länger selbstbestimmt in einer vertrauten Umgebung zu leben: Zuhause 4.0 statt Altersheim.“ Das eigene Zuhause ist Rückzugsort und gibt Sicherheit, in einer Seniorenresidenz wohnen wollen die allerwenigsten … Anknüpfend an das „klassische“ Smart Home – bei dem Licht, Heizung, Multimedia, Jalousien oder Rollläden per Sensor automatisch steuerbar sind und das Haus bei Abwesenheit per Smartphone überwacht werden kann – können sogenannte AAL-Systeme noch mehr. Diese altersgerechten Assistenten erleichtern ein Leben in den eigenen vier Wänden – mit und ohne ein Handicap. Technik, Service-Dienstleistungen und Produkte unterstützen Bewohner nahezu unsichtbar, den Alltag individuell zu meistern. AAL steht für Active Assisted Living (früher: Ambient Assis-ted Living), ins Leben gerufen durch das Fraunhofer Institut. In diversen Forschungsprojekten werden die Anwendungen stetig weiterentwickelt.

Titel Broschüre Elektroinstallation im AAL-Umfeld
„Elektroinstallation im AAL-Umfeld:“
elektro-plus.com/aal

Sicherheit wichtig

Alltagstaugliche Assistenzlösungen erweitern den smarten Wohnkomfort etwa um individuell angepasste Sicherheits-, Gesundheits- und Diagnose-Funktionen, die auf Wunsch extern kommunizieren. Beispielsweise kann der Bewohner einen Notruf absenden und so den Notdienst alarmieren. Die Familienangehörigen können sich per Video überzeugen, dass es den Eltern, Oma oder Opa gut geht – und beide Seiten miteinander reden. Auch die kabellose Blutdruckmessung und Dokumentation per Smartphone-App ist eine mögliche Option, sich den täglichen Gang zum Arzt zu sparen und zugleich in Kontakt zu bleiben. Sich automatisch öffnende Rollläden, Rauchwarnmelder, die wachrütteln oder ein optisches Signal geben und bei Brandverdacht zusätzlich Verwandte oder Nachbarn informieren, sind ihr Geld wert. Eine blend- und schattenfreie Beleuchtung, die Stürze verhindert, Schalter mit Orientierungslicht oder ein Herd, der sich bei Abwesenheit automatisch abschaltet, sichern das Leben im geliebten Zuhause zusätzlich. Haben Bewohner das Gefühl, es befindet sich noch jemand im Haus, können sie mit der „Panik-Taste“ schnell reagieren: Die Jalousien fahren nach oben, alle Lichter schalten sich ein und eine Vertrauensperson wird benachrichtigt (siehe Interview weiter unten). Erstaunliches brachte die bundesweite Studie von Feierabend.de im vergangenen Jahr zutage, in der über 1.500 Nutzer des sozialen Best-Ager-Netzwerks befragt wurden: Jeder Zweite ist überzeugt, dank solcher Assistenzangebote länger in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Das möchten 69 Prozent auf jeden Fall. Rund zwei Drittel würden dafür monatlich bis zu 100 Euro für Smart-Home-Lösungen ausgeben. Geräte für Gesundheit und Sicherheit finden die Befragten besonders sinnvoll: Die Top 5 führt der mobile Notruf an (79 Prozent). Platz 2 teilen sich Bewegungsmelder und die Anwesenheitssimulation, die während eines Urlaubs Licht und Rollläden steuert, um Einbrecher fernzuhalten (je 66 Prozent). Es folgen die Alarmanlage und Sturzsensoren. Allerdings: Obwohl fast alle Best Ager den mobilen Notruf für sinnvoll erachten, nutzen ihn bisher nur sechs Prozent. Jeder dritte Best Ager interessiert sich für die digitale Unterstützung seiner Gesundheit: Medizinische Assistenzsysteme stehen besonders hoch im Kurs. Offen sind die Studienteilnehmer auch für Smart Wearables, akustische oder optische Orientierungshilfen zur Medikamenteneinnahme sowie die medizinische Ferndiagnose. Das Schlusslicht: die Vitalüberwachung über Bewegungssensoren.

Praxis und Fördergelder

Dazu passen Erfahrungen aus dem EU-Projekt „I-stay@Home“. Es einte neun Wohnungsunternehmen, zwei Hochschulen und vier Technologie-Partner, die in insgesamt 180 Privathaushalten testweise für ein Jahr unter anderem Blutdruckmessgeräte, Waagen, Uhren und Heizungsregler installierten. Per Tablet waren die Produkte zentral bedienbar. Die Generation 65 plus würde natürlich am liebsten von der Familie betreut, stand den smarten Helfern jedoch pragmatisch gegenüber.
Mit einem KfW-Kredit (455) oder dem KfW-Zuschuss (455) „Altersgerecht umbauen“ fördert die Kreditanstalt für Wiederaufbau Maßnahmen, die relevant für ein barrierefreies und selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden sind. Landesweit unterstützen die Investitionsbanken Bau- und Modernisierungsvorhaben im AAL-Bereich im Rahmen der Wohnraumförderung. Ferner bieten einige Bundesländer Investitionskosten- oder eine strukturelle Förderung an und fördern besondere Modellbauvorhaben. Hier lohnt eine Nachfrage bei den Landesbauämtern, Banken oder bei Energieberatern. Kranken- und Pflegekassen übernehmen aktuell nur im Einzelfall Kosten für Hilfsmittel und Assistenzsysteme – obwohl diese die Gesundheitskosten reduzieren.

Standard und Daten

Generell erschwerend ist, dass es viele Insellösungen und noch keinen übergreifenden Standard gibt. Es fehlt eine universale App, über Broschüre „Elektroinstallation die sich auf alle Geräte und Angebote zugreifen lässt. Aktuell erleichtert die Sprachsteuerung, diverse Funktionen im vernetzten Zuhause einfacher zu handhaben.
AAL-Systeme agieren selbsttätig und „intelligent“ im Auftrag des Nutzers, das wirft auch Fragen zum Schutz personenbezogener Daten auf. Laut der Feierabend.de-Studie gilt die größte Sorge der Befragten dem Datenschutz. Das A und O daher: verantwortungsvoll zwischen technisch möglichen Assistenzfunktionen, der nötigen Überwachung und Datenübermittlung abzuwägen. Geräte und Alltagsroutinen so früh wie möglich einführen und einüben, kann helfen. Dann sind smarte Assistenten für zu Hause vielleicht bald so normal wie das ABS-System im Auto.

 

Interview:

Anna Grohmann vom Team Demografie bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Wolfsburg AG. Sie betreut die Wolfsburger Modellwohnung „+raum“ (plus-raum.de), die seit 2011 generationengerechte Produkte und Assistenzsysteme zeigt.

Hurra-wir-bauen.de: Inwiefern profitiert der privat interessierte Besucher? Das Besondere: Er erhält einen guten Überblick und sieht nur Produkte und Technik, die es auch zu kaufen gibt.

Anna Grohmann: Das Besondere: Er erhält einen guten Überblick und sieht nur Produkte und Technik, die es auch zu kaufen gibt.

Hurra-wir-bauen.de: Wo sehen Sie die Vorteile smarter Technik für Ältere?

Anna Grohmann: Sicherheit und Komfort stehen hoch im Kurs – vor allem, wenn es darum geht, trotz Alterserscheinungen weiter selbständig zu Hause zu wohnen: Da unterstützen zum Beispiel ein automatischer Türöffner, ein Regler, mit dem man von der Couch aus die Heizung bedienen kann oder auch indirektes Licht, das Stürze vermeiden hilft.

Hurra-wir-bauen.de: Sind solche Geräte nicht zu teuer und viel zu schwierig zu bedienen?

Anna Grohmann: Man sollte sich vorab überlegen, was man persönlich braucht. Funkgesteuerte Einzelkomponenten gibt es bereits für wenige hundert Euro, kabelgebunden hingegen ist in der Regel teurer. Für jeden Geldbeutel ist da etwas dabei. Und viele Hersteller arbeiten intensiv daran, die Bedienung über Smartphone oder Tablet so simpel wie möglich zu gestalten.

Hurra-wir-bauen.de: „So etwas brauche ich doch nicht“ oder „Das will ich nicht“, kontern Kritiker smarter Technik ...

Anna Grohmann: Oft sagen uns Besucher „Das brauche ich nicht, aber mein Nachbar und mein Schwager.“ Oder sie haben noch keinen Bedarf, informieren sich jedoch vorab über die Möglichkeiten. Manche hatten bereits eine Notsituation und sind heute froh, dass solche Technik – wie zum Beispiel ein mobiler Notruftaster direkt am Körper – ihnen die nötige Sicherheit vermittelt.

Hurra-wir-bauen.de: Berührungsängste gibt es nach wie vor, sich intelligenten Haus-Assistenten anzuvertrauen, oder?

Anna Grohmann: Ja, das stimmt. Doch wir sehen, dass die Menschen ihre Skepsis zunehmend überwinden. Das beste Beispiel ist der Saugroboter, den viele bereits zu Hause nutzen – das war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Und fällt der Strom einmal aus, lässt sich die Technik auch von Hand bedienen oder der technische Notdienst hilft.

Hurra-wir-bauen.de: Bleibt nicht der zwischenmenschliche Kontakt auf der Strecke, wenn eine Robbe wie „Paro“ Betreuungsaufgaben übernimmt?

Anna Grohmann: Die Technik soll die Pflege nicht ersetzen, sondern unterstützen. Wir wollen Technik einsetzen, um zwischenmenschlichen Kontakt vor allem bei Demenzkranken herzustellen, um die Brücke zu schlagen zu den Menschen. Angelehnt an die Tiertherapie haben wir positive Erfahrungen gemacht. Doch wenn es Ängste vor Hunden oder Allergien gibt, kann „Paro“ helfen. Zudem werden die Pfleger entlastet. Die Robbe verleihen wir auch und arbeiten therapeutisch. Über „Paro“ gelingt es, Kontakt zu bekommen und – wichtig – Medikamente zu reduzieren!

Hurra-wir-bauen.de: Wohin geht aktuell die Entwicklung, welche Trends sehen Sie?

Anna Grohmann: Aktuell sehe ich einige Herausforderungen, zum Beispiel:

  • wie die vielen Geräte untereinander kompatibel in ein gemeinsames System eingebunden werden können und welche HerstellerKooperationen dabei hilfreich sind,
  • wie wir Akzeptanz am Markt erreichen,
  • welche Mittel und Wege es gibt, die Technik unter dem Stichwort eHealth (elektronische Gesundheit) in Privathaushalten zu platzieren und das eigene Zuhause als Gesundheitsstandort gerade auf dem Land attraktiv zu machen,
  • den Datenschutz: Jeder soll darüber bestimmen dürfen, wer seine Daten einsehen darf, welche Daten Andere weitergeben dürfen, um ein eigenständiges Leben weiter zu ermöglichen.

Hurra-wir-bauen.de: Welches positive Szenario stellen Sie sich für die Zukunft älterer Menschen vor?

Anna Grohmann: Jeder Mensch soll so lange wie möglich in seiner Wunsch-Umgebung leben dürfen. Alle dürfen da alt werden, wo sie möchten – zu Hause oder auch im Seniorenheim. Dank der Technik entwickeln sich außerdem neue Wohnformen.

Hurra-wir-bauen: Vielen Dank für das Interview!

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