Dämmen – Dämmen auf Teufel komm raus? 

Schneller, höher, stärker. Dieses Olympische Motto auf die Gebäudedämmung gemünzt, würde heißen, immer höher gedämmte Häuser zu bauen. Ist das sinnvoll? Der BSB-Experte gibt Antworten darauf.

22.03.2018
Zellulosedämmung
Foto: Adobe Stock / minicel73

Energieeinsparung, Dämmung, Effizienzhäuser, Holzfertig- oder Massivbau – Mit diesen Themen beschäftigen sich nahezu alle Bauherren beim Neubau oder der Bestandssanierung. Stets wichtig hierbei: Die Energieeffizienz sollte nicht zu Lasten der Wirtschaftlichkeit gehen. Der Markt bietet eine Fülle an Materialien und Bauweisen. Hier gilt es, sich die Zusammenhänge im technischen und physikalischen Sinne verständlich zu machen. Pauschalaussagen zur Dämmung, wie „viel hilft viel“ oder zur Effizienz, wie „jede nicht verbrauchte Kilowattstunde Energie ist gesparte Energie“ sollten kritisch hinterfragt werden. Stattdessen müssen Anforderungen an einen Mindestwärmeschutz eingehalten und Wärmebrücken zur Schimmelprävention vermieden werden. Des Weiteren gelten eine Reihe gesetzlicher Anforderungen, die durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das Erneuerbaren-Wärme-Gesetz (EEWärmeG) und der Energieeinsparverordnung (EnEV) auf nationaler Ebene und durch eine übergeordnete Richtlinie europäisch geregelt und vorgegeben werden. In diesem Spannungsfeld aus Behaglichkeit, Wirtschaftlichkeit, gesetzlichen Anforderungen, Ökologie und technischen Vorgaben gilt es, die „richtigen“ Entscheidungen für das konkrete Gebäude zu treffen.

Zusammenspiel Dämmung und Wärmeerzeugung

Im Zuge einer energetischen Betrachtung und Planung darf die Gebäudedämmung nie losgelöst betrachtet werden. So sollte sowohl die Bedeutung der Gebäudehülle (zum Beispiel Außenwände, Dachflächen, Kellerdecken oder -böden, Fenster usw.) in den Blick genommen werden als auch die sogenannte Anlagentechnik, sprich die Wärmeerzeugung und Wärmeübergabe im Fokus behalten und auf die konkreten Anforderungen angepasst werden. Auch der Gesetzgeber berücksichtigt diese Wechselbeziehung, indem er einzuhaltende Grenzwerte sowohl für die Gebäudehülle (Transmissionswärmeverlust) als auch für den Energiebedarf (genauer Primärenergiebedarf) vorgibt. Im Vergleich zu den Vorjahren liegt das aktuell vorgegebene Effizienzniveau der momentan gültigen EnEV relativ hoch. Eine weitere Steigerung im Neubau hin zu einem Niedrigstenergiehaus ist zwar durch eine EU-Richtlinie von 2010 prinzipiell vorgezeichnet.

Dämmfähigkeit unterschiedlicher Materialien

Die Sinnhaftigkeit sollte aber unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Techniken und Bauweisen hinterfragt werden. Verschiedene Formen der Anlagentechnik sowie Ausgestaltung des Baukörpers stehen hierbei zur Erfüllung von Effizienzzielen und der Reduktion des Primärenergiebedarfs im Rahmen einer zielorientierten und konkreten Planung zur Verfügung.
Als Baustoffe zur Reduktion des Wärmeverlustes stehen mittlerweile verschiedenste Materialien mit unterschiedlichsten Eigenschaften und für verschiedene Einsatzgebiete zur Verfügung. Die dämmende Wirkung wird dabei über eine physikalische Größe, die Wärmeleitfähigkeit, beschrieben. Niedrige Wärmeleitfähigkeiten führen dabei zu einerpotentiell höheren Dämmwirkung. Technisch sind einer immer höheren Dämmwirkung Grenzen gesetzt. Dies liegt in der physikalischen Beschaffenheitder Baustoffe begründet. Um die dämmtechnische Wirkung eines einzelnen Bauteils, zum Beispiel einer Außenwand beurteilen zu können, müssen die einzelnen Schichten der Wand (die jeweils unterschiedlichen Baustoffe) betrachtet werden. Hierbei sind zwei Kennwerte von Bedeutung. Der Wärmedurchgangswiderstand und der Wärmedurchgangskoeffizient. Letztgenannter ist der „bekannte U-Wert, welcher ein Maß für den Wärmedurchgang durch einen festen Baustoff von der Innen- zur Außenluft aufgrund eines Temperaturunterschieds definiert. Der Wärmedurchgangswiderstand ergibt sich aus den einzelnen Wärmedurchlasswiderständen der jeweiligen
Bauteilschichten. Zusätzlich ist der Phasenübergang zwischen Bauteiloberfläche und der angrenzenden Innen- und Außenluft zu berücksichtigen. Dieser beschreibt die Wärmestrahlung und Konvektion an der Bauteiloberfläche.
Neben den stoffbedingten Grenzen spielt auch die Wirtschaftlichkeit einer Energieeinsparmaßnahme eine wichtige Rolle. Dabei sollte sich die
angedachte dämmtechnische Maßnahme mindestens innerhalb der technischen Lebensdauer des verwendeten Baustoffs amortisieren können.
Kurz gesagt sind die physikalischen Kennwerte ein Verhältnis zwischen Wärmeleitfähigkeit und Baustoffdicke. Dementsprechend kommt erst einmal der Verdacht auf, viel Dämmung hilft viel.

Ganzheitlich planen

Das ist physikalisch, wie beschrieben, nicht so. Ab einem gewissen Punkt an Dämmstärke ergeben sich in Bezug auf eine weitere Dickenerhöhung nur noch sehr geringe Steigerungen in der „Dämmwirkung“. Insofern besteht hier kein linearer Zusammenhang, so dass der Fokus nicht alleine auf ein einzelnes Bauteil gelegt werden sollte.
Gebäude können zielgerichtet nach konkreten Anforderungen und Bedürfnissen optimiert werden, wenn sie ganzheitlich geplant werden. Unter diesem Aspekt ist es im technischen Sinn zunächst nachrangig, ob es sich um ein Massivhaus oder ein Holzfertighaus handelt. Jede der beiden Bauweisen hat seine Vor- und Nachteile – dies gilt auch bei der Gebäudehülle und der Dämmung. Im Holzfertigbau können zum Beispiel aufgrund der verwendeten Baustoffe in der Regel geringere Wandstärken mit guter Dämmwirkung erzielt werden. Beim Massivbau wäre für ein ähnlichen Dämmwert hingegen in der Regel ein höherer Wandaufbau vonnöten. Gleichzeit kann der Massivbau im Vergleich zum Holzfertighaus jedoch einen „besseren“ Schallschutz und gegebenenfalls Brandschutz bieten.

Fazit

Immer höher gedämmte Gebäude zu bauen beziehungsweise zu sanieren ist nicht zwangsläufig sinnvoll und sollte kritisch hinterfragt werden. Stattdessen muss das Zusammenspiel zwischen Wärmeerzeugung und der Dämmqualität der Gebäudehülle berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist eine individuelle Betrachtung des konkreten Objekts notwendig. Dabei spielen persönliche Wünsche und Anforderungen, aber auch politische Vorgaben zur Energieeinsparung und CO2-Reduzierung eine konkrete Rolle. Auch die technische Machbarkeit in der Sanierung oder im Neubau sowie die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sind wichtige Grundlagen. Erst unter einer ganzheitlich orientierten Planung unter Berücksichtigung der konkreten Gegebenheiten, der örtlichen Möglichkeiten und der zur Verfügung stehenden Baustoffe und Anlagentechniken ist im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Energieeffizienz eine sinnvolle Bauweise oder Sanierung möglich.

  • Bauherren-Schutzbund e.V.
    Kleine Alexanderstraße 9/10
    10178 Berlin

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