Lichtinszenierung  Kunstlicht oder Lichtkunst?!

Nichts verändert die Atmosphäre eines Raumes so sehr wie Licht: Ob mit praktischer Funktion, zur Beleuchtung von Arbeitsflächen oder der Interpretation von Licht als Kunstwerk - die Auswahl scheint unerschöpflich.

05.08.2015
Erregt Aufsehen: Der Reflektor aus facettiertem Kristallglas im Inneren des mundgeblasenen Kegelschirms beleuchtet den Boden direkt und die Decke sanft und effektvoll. Erhältlich ist die „Annex Suspension“ in drei Größen, sodass jeder Raum eine optimale Ausleuchtung erfährt. Foto: Serien.lighting | Zur Fotostrecke

Wer glaubt, Leuchten werden nur anhand ihrer Installationsart, also ob es sich um Tisch-, Decken-, Pendel-, oder Standleuchten handelt, unterschieden, der irrt. Ein wichtiges Kriterium ist der Lichtaustritt; so sorgt gestreutes Licht für eine allgemeine Beleuchtung, während ein gebündelter Lichtstrahl den Blick des Betrachters auf einen Gegenstand lenken kann. Gerade beim letzten Fall und bei direkten Lichtquellen ist es nötig Reflexionen, unangenehme Blendungen und Schatten als Störfaktoren auszuschließen. Die Positionierung der Leuchten spielt eine wichtige Rolle; so sollten sie über dem Esstisch weder zu niedrig hängen, sodass das Blickfeld nicht eingeschränkt wird, noch zu hoch, wodurch der Bezug zwischen Lampe und Tisch verloren geht. Gleichermaßen kann durch die richtige Position von Leuchtelementen ein offener Raum zoniert werden. Eine raumbegrenzende Beleuchtung trennt Ess-, Wohn- und Arbeitsbereich optisch voneinander. Wem die Auswahl schwer fällt, kann Leuchten im Fachgeschäft zum Probehängen ausleihen oder die Beratung eines Lichtplaners beanspruchen.

Licht mit System

Eine bewährte Methode der Lichtplanung ist die Darstellung des jeweiligen Raumes im Maßstab 1:50, wobei ein realer Meter zwei Zentimetern in der Zeichnung entspricht. Stromanschlüsse, Wandstrukturen und das Mobiliar sollten neben Raum- und Möbelhöhe berücksichtigt werden. Ist ein solcher Plan erstellt, empfiehlt es sich darüber nachzudenken, an welchen Stellen direktes Licht zum Beispiel zur Gewährleistung der Sicherheit bei Küchenarbeiten benötigt wird und wann indirektes Licht ausreicht. Die Anzahl der benötigten Leuchten muss ebenso individuell gewählt werden, wie deren Positionierung. Im Wohnraum kann neben der Allgemeinbeleuchtung, für die sich breitstrahlende Einbauleuchten besonders eignen, eine Beleuchtung für den Lesebereich oder ein dimmbares Licht zum Fernsehschauen sinnvoll sein.

Erlaubt ist, was gefällt

Sind solche Entscheidungen getroffen, erfolgt die Suche nach dem geeigneten Leuchtkörper. Abhängig von dem benötigten Leuchtkegel kann Ihnen ein Experte passende Modelle vorstellen. Weniger technisch wird es, wenn die Leuchte zum Kunstobjekt avanciert. Effektvolle Standleuchten werten minimalistisch ausgestattete Wohnräume auf. Auch die Struktur einer Natursteinwand lässt sich durch indirekte Beleuchtung akzentuieren, ebenso wie ein puristischer Tisch durch auffallende Beleuchtung dramatisch in Szene gesetzt wird. Generell kann sich ein ganzer Raum einer Leuchte unterordnen oder aber sie integriert sich homogen und unaufdringlich in die Gesamtwirkung.

Interview

Marijke Hülsmann hat Architektur in Münster studiert und war bereits währenddessen lichtplanerisch tätig. Mittlerweile arbeitet die junge Westfälin unter anderem an der Bergischen Universität Wuppertal in der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen.

Hurra wir bauen: Was ist wichtig für eine gute Lichtplanung im Wohnbereich?

Marijke Hülsmann: Jede Planung erfordert eine individuelle Herangehensweise, aber als Basis dienen oft zwei Beleuchtungsarten.  Die Grundbeleuchtung, die aus funktionalen Gründen möglichst viel Licht erzeugen sollte und die Akzentbeleuchtung. Zum Beispiel in Form von schwenkbaren Deckenspots, die vielleicht ein Bild an der Wand, eine Vase oder den Couchtisch hervorheben. Als Alternative zu den Spots können auch Tisch- oder Stehleuchten zum Einsatz kommen. Damit der Bauherr das Licht zusätzlich an unterschiedliche Situationen und Nutzungen anpassen kann, ist es empfehlenswert dimmbare Leuchten zu verwenden.

Hurra wir bauen: Wie sieht der Planungsprozess aus?

Marijke Hülsmann:  Das ist ganz unterschiedlich. Oft stelle ich mir gemeinsam mit dem Bauherren vor wie man die verschiedenen Räume in Zukunft betritt – selbst, wenn sie noch nicht gebaut sind. Worauf soll der Blick gelenkt werden? Was steht im Fokus? Wer zum Beispiel von der Arbeit nach Hause kommt, möchte vielleicht einen Ruhepol vorfinden. Mit dem richtigen Licht kann die Couch noch gezielter zum einladenden Element gemacht werden.

Hurra wir bauen: Welche Räume benötigen welches Licht?

Marijke Hülsmann: Es ist schwer dies zu verallgemeinern, aber es gibt ein paar Details, auf die es sich zu achten lohnt. In Nähe des Fernsehers oder des Lesesessels zum Beispiel empfiehlt es sich zusätzliche Lichtquellen, um einen zu hohen Leuchtdichtekontrast zu vermeiden. Durch die ständige Adaption zwischen dem hellen Bildschirm oder dem Buch und einer dunklen Umgebung wird das Auge ansonsten stark beansprucht, was letztendlich zu Ermüdung oder Kopfschmerzen führen kann. Eine Beleuchtung im Außenbereich auf der Terrasse oder dem Balkon kann hierbei je nach Positionierung ebenfalls hilfreich sein – mit dem positiven Nebeneffekt, dass die schwarze, oft als unangenehm wahrgenommene Fensterfläche verschwindet und der Wohnraum optisch erweitert wird. Bei der Esstischbeleuchtung wird oft nur auf das Design großen Wert gelegt, allerdings sollte besonders darauf geachtet werden, dass die Leuchte nicht blendet. In funktionaleren Bereichen wie der Küchenarbeitsfläche oder Spiegelbeleuchtung ist es wichtig gleichmäßiges, diffuses Licht einzusetzen, um eine störende Schattenbildung zu vermeiden. So kann für die jeweiligen Sehaufgaben wie zum Beispiel das Schneiden von Gemüse oder der Gesichtsrasur das Erkennen von Details ermöglicht werden. Für eine gelungene Raumatmosphäre hingegen kann eine starke Schattenbildung wiederrum sehr förderlich sein. Den Bauherren erkläre ich immer, dass zum Beispiel Spots mit ihrem kontrastreichen Licht an direkte Sonneneinstrahlung erinnern – also gutes Wetter. Diffuses Licht hingegen lässt an bewölktes, eher schlechtes Wetter denken. Zudem können Oberflächenstrukturen wie eine Holzmaserung besser hervorgehoben werden und wirken dadurch viel lebendiger.

Hurra wir bauen: Wie sieht es mit der Farbwiedergabe aus?

Marijke Hülsmann: Je höher der Wert der Farbwiedergabe, desto natürlicher nehmen wir die Farbe des Gegenstands wahr. Die Farben wirken also nicht verfälscht. Manche Modegeschäfte sind mit dermaßen schlechten Leuchten ausgestattet, dass Kunden gebeten werden vor dem Kauf vor die Tür zu gehen, um die wirkliche Farbe zu erkennen. Im Privatbereich muss dieser Wert bei den Leuchten nicht außerordentlich hoch sein, allerdings wäre eine schlechte Farbwiedergabe im Ankleidebereich sicherlich nicht sinngemäß. Viel eher sollte der Bauherr jedoch auf die Lichtfarbe achten. Im Regelfall werden im Wohnbereich warme Lichtfarben bevorzugt.

Hurra wir bauen: Hausautomatisierung ist voll im Trend. Wirkt sich das auch auf die Lichtplanung aus?

Marijke Hülsmann: Danach fragen immer mehr Bauherren, wobei sich auch einige mit der Technik überfordert fühlen. Wer sich jedoch für Hausautomation, also einem Bussystem entscheidet, der genießt den Vorteil, dass sich Sonnenschutz, Heizung und auch verschiedene Lichtszenen auf einem Panel oder zumindest wenigen Schaltern verwalten lassen. Allerdings machen es auch entsprechende Vorkehrungen möglich, die Entscheidung für oder gegen eine Hausautomation zu vertagen und eine spätere Nachrüstung zu vereinfachen.

Hurra wir bauen: Welche Bedeutung hat die natürliche Belichtung im Hausbau?

Marijke Hülsmann: Die ist sehr hoch. Bauherren sollten sich während der Planungsphase fragen, in welchen Räumen sie sich zu welcher Tageszeit am häufigsten aufhalten. In welchem Raum ist die Sonne am Morgen oder Abend erlebbar? Wo wird gefrühstückt? Hierbei sind natürlich auch die Sonnenstände entsprechend der verschiedenen Jahreszeiten zu beachten. Dies sind essentielle Fragen, da sich an der Architektur später nichts oder nur mit einem unverhältnismäßig hohem Aufwand etwas ändern lässt.

Hurra wir bauen: Wir danken für das Gespräch.

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